Holzbau Offensive Hessen lud ein zum Theaterstück über handwerkliche Lebenswege
Immenhausen. Akkuschrauber, Bohrmaschine, Motorsäge, Bock und Winkel. Dazu noch einen ganzen Haufen Holz und einen riesigen Berg Lebenserfahrung. All das und noch viel mehr hat der Zimmermann Richard Betz ausgepackt. In seinem Theaterstück „Hand und Werk - oder wie finde ich meinen eigenen Weg?“, das er Anfang Februar aufgeführt hat, nahm er diese sie ein ganzes Stück weit mit, auf seinen eigenen Lebensweg.
Die Halle des BerufsOrientierungsZentrums (BOZ) wird zur Bühne, 31 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9, Gymnasialzweig der Freiherr-v.-Stein-Schule aus Immenhausen schauen zu. Die Kulisse ist eine OSB-Platte mit der Aufschrift: "Handwerk ist (un)cool?!?" und dazu stellt der Zimmermann in seiner Kluft zuerst einmal die Frage: "Was ist ein authentischer Mensch?", die er im Laufe des Handwerksstücks beantwortet. Beim Spiel verschwimmen schnell die Grenzen des Schauspiels und der eigenen Biografie. Und genauso soll es auch sein.
Richard Betz spielt seine Rolle mit großer Leidenschaft. Während er erzählt, baut er eine Leonardo-Brücke auf, über die am Ende die Schülerinnen und Schüler gehen werden. Für ihn ganz einfach, weil Richard sich selbst spielt, weil sein Leben das Drehbuch geschrieben hat, weil er nichts erfinden, er nur erzählen muss. Als ältester Sohn eines Landwirts sollte er doch den Hof übernehmen. Hat er aber nicht. Als junger Mann mit technischem Abitur wollte er Soziale Arbeit studieren. Durfte er aber nicht. Dann studierte er Architektur, aber nur, weil das mit Bauen zu tun hat. "Ich hatte noch nie ein Architekturbüro von innen gesehen. Praktika gab es nicht, ich wusste von dem Beruf gar nichts. Was für ein Irrsinn! Diese Methode kann ich überhaupt nicht weiterempfehlen!", mahnt der 69-Jährige.
Betz unterbricht das Studium, reist im Ausland herum, ist mal hier und mal da. „Das war aber auch nicht mein Weg, ich wollte ein Zuhause“, sagt er und dass er Geld gespart und davon in der Heimat ein völlig kaputtes Fachwerkhaus gekauft hat. Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Studium ist er 25, Eigentümer dieses völlig kaputten Hauses und ohne Lust auf Büroarbeit. Er macht ein Praktikum in einer Zimmerei. Und ist total begeistert. Von der Arbeit, den Leuten und der Perspektive, dieses Know-how am eigenen Haus anwenden zu können. "Am nächsten Tag habe ich meinen Lehrvertrag unterschrieben, das war die beste Entscheidung meines Lebens", so Betz. Zwei Jahre später ist er Zimmerer, gründet seine eigene Firma und weil er studiert hatte, darf er sogar ausbilden. "In 40 Jahren habe ich 40 Zimmerer ausgebildet, darunter auch die beste Zimmerin ihres Jahrgangs", erzählt er stolz. Betz, der Zimmermann, ist ein authentischer Mensch. Er steht zu sich selbst, zu seinen Stärken und zu seinen Schwächen und erzählt davon auf offener Bühne.
Die Leonardo-Brücke ist nach 30 Minuten zusammengesteckt. Das Theaterstück ist aus, Betz steht auf dem höchsten Punkt der Bogenbrücke und verabschiedet sich mit Richtspruch und einem Ausblick: Handwerk baut Brücken und kann Menschen dabei helfen, ihren eigenen Weg zu finden.

Rebekka Große-Brauckmann, Geschäftsführerin von pro holzbau hessen, hat die Theateraufführung im Rahmen der Holzbauoffensive finanziell ermöglicht und den Mann auf die Bühne ins BOZ geholt, der seit 2012 schon vor etwa 60.000 Zuschauern gespielt hat. "Dieses Stück soll euch klar machen, dass es kreative Wege für die Berufsorientierung gibt. Dass nicht alles schnurgerade geht und ihr für euren Berufsweg viele gute Beispiele braucht, um euch zu entscheiden", sagt sie.
"Unser Tätigkeitsschwerpunkt ist die Berufsorientierung und dieses Theaterstück ein besonderer Zusatzbaustein, den wir den jungen Menschen präsentieren konnten. Wir als BOZ haben uns sehr über die Idee von Frau Große-Brauckmann gefreut," sagte Jennifer Fenner, Koordinatorin am BOZ, nach der Veranstaltung.
Info: BOZ im Landkreis Kassel: Hier gibt es praxisnahe Einblicke in derzeit zehn verschiedenen Berufsfeldern. Junge Menschen werden dabei unterstützt, ihre beruflichen Interessen und Talente zu entdecken. Praxisnahe Einblicke, maßgeschneiderte Programme und moderne Technologien in inspirierender Atmosphäre soll bei der Entscheidungsfindung für den Lebensabschnitt nach der Schule helfen. Das Angebot richtet sich an alle Schülerinnen und Schüler sowie an Eltern und Lehrkräfte, aber auch an regionale Unternehmen, die sich als attraktive Arbeitgeber präsentieren und junge Talente frühzeitig fördern möchten.


